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20.7.2026 · 9 Min.

Hilfe, meine Frau glaubt an Chemtrails.

Titelbild: Hilfe, meine Frau glaubt an Chemtrails.

Solche Sätze wie: "Ich erkenne meinen Partner, meine Mutter oder meinen Bruder nicht mehr wieder" sind in der Beratungspraxis gar nicht selten. Wenn Menschen, die uns nahestehen, zunehmend Verschwörungstheorien übernehmen, verändert sich häufig nicht nur ihr Weltbild, sondern auch die Beziehung zu ihnen. Vielleicht kennen Sie Gedanken wie:

  • „Früher konnten wir über alles sprechen."
  • „Jedes Gespräch endet inzwischen im Streit."
  • „Ich weiß nicht mehr, ob ich widersprechen oder schweigen soll."
  • „Ich habe Angst, die Beziehung endgültig zu verlieren."

Erste qualitative Studien zeigen, dass Angehörige und enge Bezugspersonen von Menschen mit Verschwörungsglauben häufig unter erheblichen emotionalen Belastungen leiden (vgl. TH Köln 2023). Auch eine Studie von Kamitz et al. (2026), veröffentlicht im British Journal of Social Psychology, beschreibt, dass Verschwörungsglaube Partnerschaften erheblich belasten kann. Die Autor:innen berichten von Konflikten, Kommunikationsabbrüchen und dem Erleben eines sog. psychosozialen Verlustes, bzw. uneindeutigem Verlust: Die geliebte Person ist körperlich zwar noch anwesend, erscheint emotional und weltanschaulich jedoch kaum noch erreichbar. Viele Teilnehmende berichteten zudem über psychische und körperliche Belastungen. Zahlreiche Beziehungen zerbrachen, andere bestanden trotz erheblicher Konflikte fort, häufig aufgrund emotionaler oder finanzieller Bindungen. Was kann Beratung leisten, wenn Fragen aufkommen wie:

  • „Wie kann ich mit meinem Angehörigen überhaupt noch sprechen?"
  • „Muss ich mich weiter auf diese Gespräche einlassen?"

Eine allgemeingültige Antwort darauf gibt es nicht. Im gemeinsamen Prozess der Beratung geht es deshalb zunächst nicht darum, die andere Person zu überzeugen. Vielmehr entwickeln wir gemeinsam Strategien, die Ihr Wohlbefinden schützen und gleichzeitig Handlungsmöglichkeiten erweitern. Dabei können unter anderem folgende Fragen im Mittelpunkt stehen:

  • Möchte ich die Beziehung erhalten?
  • Wo liegen meine persönlichen Grenzen?
  • Wann ist Widerspruch wichtig?
  • Wann dient Distanz meinem Selbstschutz?
  • Welche Erwartungen an die andere Person sind realistisch?

Forschung und Beratungspraxis lassen vermuten, dass tief verankerte Überzeugungen nur selten durch Fakten allein verändert werden. Menschen verändern ihr Weltbild häufig erst dann, wenn innere Zweifel entstehen oder bisherige Erklärungen nicht mehr tragen (vgl. RAN 2023). Deshalb arbeiten wir in der Beratung mit Kommunikationsformen, die Beziehung ermöglichen, ohne problematische Inhalte zu bestätigen. Statt zu argumentieren, können beispielsweise Fragen hilfreich sein wie: „Was würde sich für dich ändern, wenn diese Annahme nicht stimmen würde?" oder „Warum ist dieses Thema gerade jetzt so wichtig für dich?" Solche Fragen eröffnen häufig mehr Raum für Reflexion als direkte Widerlegungen. Viele Angehörige erleben, dass sie immer neue Quellen recherchieren, Studien lesen oder Fakten zusammentragen und sich dennoch nichts verändert. Auch wissenschaftliche Befunde deuten auf diese Erfahrung hin. Das sogenannte Debunking, also das sachliche Widerlegen von Falschinformationen, kann hilfreich sein, wenn die betroffene Person grundsätzlich noch offen für Reflexion ist (vgl. Lewandowsky et al. 2017). Ist die Weltanschauung jedoch bereits stark ideologisch verfestigt, kann eine direkte Widerlegung sogar zu weiterer Abwehr führen (vgl. Hahn 2022). Gemeinsam überlegen wir deshalb,

  • wann Fakten hilfreich sein können,
  • wann die Beziehung im Vordergrund stehen sollte,
  • wann der eigene Selbstschutz Vorrang hat.

Ein wichtiger Baustein kann sein, die Hinwendung zu Verschwörungstheorien besser zu verstehen. Das bedeutet ausdrücklich nicht, menschenfeindliche Aussagen oder demokratiefeindliche Ideologien zu relativieren. Vielmehr geht es darum einzuordnen, welche Bedürfnisse, Krisen, Verluste oder Erfahrungen möglicherweise dazu beigetragen haben, dass Verschwörungstheorien für die betreffende Person attraktiv geworden sind. Häufig dienen sie dem Versuch, Unsicherheit zu reduzieren, Kontrolle zurückzugewinnen oder Sinn zu finden (vgl. Goertzel 1994; Nocun & Lamberty 2021). Dieses Verständnis eröffnet neue Handlungsmöglichkeiten, ohne die Verantwortung für diskriminierende oder demokratiefeindliche Überzeugungen zu relativieren.

Vielleicht wird sich Ihr Angehöriger verändern, vielleicht auch nicht. Was sich jedoch verändern kann, ist Ihr eigener Umgang mit der Situation. Beratung kann dabei unterstützen, emotionale Belastung zu reduzieren, Orientierung zurückzugewinnen und Entscheidungen zu treffen, die Ihren eigenen Werten und Bedürfnissen entsprechen. Hinwendungsmotive, Persönlichkeitsmerkmale und Abwehrstrategien bei Verschwörungsglaube zu verstehen bedeutet nämlich nicht, ihnen zuzustimmen, dieses Wissen kann aber eine Grundlage bieten, um den Menschen hinter der Überzeugung wieder wahrzunehmen, ohne dabei sich selbst aus dem Blick zu verlieren - und damit distanzierungsförderliche Samen zu säen.

Literatur

Goertzel, T. (1994). Belief in conspiracy theories. Political Psychology, 15(4), 731–742.

Hahn, A. (2022). Entschwörung. Was man über Verschwörungstheorien wissen sollte und wie uns der Glaube Orientierung gibt. Holzgerlingen: SCM Hänssler.

Kamitz, L. C., Green, R., Rowden, C., Toribio-Flórez, D., Biddlestone, M., & Douglas, K. M. (2026). "You lose the person; they're still there but you don't recognize them": A qualitative study examining the consequences of conspiracy beliefs for romantic partners. British Journal of Social Psychology, 65(1), e70033. https://doi.org/10.1111/bjso.70033

Lamberty, P. (2022). Die Ursachen des Glaubens an Verschwörungserzählungen und Empfehlungen für eine gelungene Risikokommunikation im Gesundheitswesen. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 65(6), 537–544.

Lewandowsky, S., Ecker, U. K. H., & Cook, J. (2017). Beyond misinformation: Understanding and coping with the "post-truth" era. Journal of Applied Research in Memory and Cognition, 6(4), 353–369.

Nocun, K., & Lamberty, P. (2021). Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Berlin: Quadriga.

Radicalisation Awareness Network. (2023). Umgang mit Verschwörungsnarrativen im nahen sozialen Umfeld. Ein praktischer Leitfaden für Helfer:innen.

Stewart, D. (2023). The Value of Constructive Dialogue in Handling Conspiracy Beliefs. Social Psychotherapy Journal, 12(4), 88–99.

TH Köln. (2023). Forschungsprojekt RaisoN. Radikalisierung durch Verschwörungsideologien – Auswirkungen im sozialen Nahraum. Erste ausgewählte Ergebnisse der Onlinebefragung bei Fachkräften der Bildungs- und Beratungsarbeit.