20.7.2026 · 7 Min.
Warum Menschen sog. Sekten beitreten

»Wir treten einer Sekte nicht aus logisch-rationalen Gründen bei, sondern wir treten einer solchen Gemeinschaft bei, aus unserem Sehnen, Träumen, Wünschen, inneren Ängsten, unserer Unsicherheit. Aus unserer emotionalen Welt.« — Rohmann nach Ruf (2018, S. 7)
Für viele Menschen ist die Mitgliedschaft in religiösen Gruppen und Weltanschauungsgemeinschaften positiv konnotiert. Sie sprechen elementare Gefühle und Bedürfnisse wie Geborgenheit, Sicherheit, Orientierung und Zugehörigkeit an und bieten Antworten auf die Sinnfragen und individuellen Belastungen des Menschen. Die Offenheit gegenüber solchen Gruppen variiert je nach Zugänglichkeit in den verschiedenen Perioden des Lebens, kann aber Personen jeden Alters und jeglicher Herkunft treffen. Oft stehen sie im Zusammenhang mit persönlichen Krisen und Sinnsuche, Halt- und Orientierungslosigkeit, manchmal ausgelöst durch eine Perspektivlosigkeit und die Hoffnung eines Perspektivwechsels oder der Abgabe von Verantwortung. Diese Faktoren beziehen sich auf einen bewussten Einstieg im Erwachsenenalter und gelten folglich nicht für die zweite Generation, die in Gemeinschaften hineingeboren wurden bzw. dort aufgewachsen sind.
Die prädisponierenden Faktoren für den Einstieg wurden in diversen Modellen diskutiert. Demnach wurden in früheren Ansätzen und populärwissenschaftlicher Literatur die religiösen Gemeinschaften als ausschließlicher Auslöser benannt und damit problematisiert. Betroffenen wurde ihre Integrität abgesprochen, indem sie zu wehrlosen Opfern von Bewusstseinskontrolle und Gehirnwäsche gemacht und menschliche Bedürfnisse und Motive außer Acht gelassen wurden. Empirische Erkenntnisse zeichnen ein differenzierteres Bild: Disponierend für den Eintritt können akute (Sinnorientierungs-)Krisen, Einsamkeit, Beziehungskonflikte oder psychische Erkrankungen und die Angebotswahl abhängig von subjektiven Suchkriterien und Bedürfnissen sein (vgl. Murken 2012, S. 292f.). Sich bedeutungslos oder vom Leben müde, einsam und unverstanden, spirituell unterfordert oder machtlos zu fühlen – diese Umstände können Betroffene empfänglicher für charismatische Ansprachen oder Heilsversprechen machen. In der Auswertung von 50 Beratungsfällen konnte zum Beispiel Hoffmanns folgende konkreten Motivkategorien für die Kontaktaufnahme zu weltanschaulichen Gruppen aufstellen (vgl. Hoffmanns 2004, S. 93ff.). Hierzu zählen: Der Wunsch nach Überlegenheit und Kontrolle, die Suche nach Führung und Gemeinschaft, das Ausleben bzw. Kontrollieren von Gefühlen und Impulsen, die Simplifizierung und Problemverlagerung sowie die Suche nach Heilung und Lebenshilfe.
Busch und Poweleit (2004, S. 220f.) deuten diese Motive der weltanschaulichen Konversion[1] als »individuelle Problemlösungs- und Entwicklungsversuche« – dem Wunsch danach »mit Hilfe einer sinnstiftenden Gruppenüberzeugung die anstehenden individuellen Lebensaufgaben zu bewältigen«. Zusätzliche Motive führt Helmut Langel in seinem Grundlagenwerk ›Destruktive Sekten und Kulte‹ an. Hier schreibt er, neben reiner Neugier auf die Selbsterfahrung, spielen auch unbewältigte persönliche Probleme und soziale Konflikte im Alltag eine Rolle, ebenso wie das ›religiös-weltanschauliche Vakuum‹ (vgl. Langel 1995, S. 168f.). Dieter Rohmann wiederum beleuchtete den familiären Hintergrund und die Persönlichkeit sowie die Lebens- und psychische Situation der Befragten vorm Eintritt in die Gemeinschaft in seiner empirischen Studie zum Thema ›Mögliche Dispositionen einer Sekten-, Kultmitgliedschaft‹ (vgl. Rohmann 2000, S. 48ff.). Die Befragung von 110 Mitgliedern kam bezüglich der persönlichen Lage und sozialen Konflikte auf ähnliche Ergebnisse. So gaben die meisten Befragten ein dysfunktionales Familiensystem (z. B. Absentismus bzw. Überbehütung, Krankheit, fehlende Kommunikationsfähigkeit, elterliche Dominanz) und unmittelbare Problemlagen vor dem Eintritt (vor allem soziale Konflikte, auch Krankheit oder Verlust, Straffälligkeit, berufliche/schulische Probleme, Unzufriedenheit, Veränderung) an. Die Hälfte der Stichprobe zeigte die Merkmale Altruismus, Einsamkeit and Sensibilität sowie den ausdrücklichen Wunsch nach einer geltenden Ideologie bzw. Lehre und ein Großteil der Befragten war alleinstehend and psychisch nicht vorerkrankt (s. auch Busch/Poweleit 2004, S. 222). Auch die Erkenntnisse aus Schulzes Soziologieklassiker ›Die Erlebnisgesellschaft‹ lassen sich eingehender auf den Kontext weltanschaulicher Gruppen beziehen. Demnach kann die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Bedürfnis- und Interessenlage den Wunsch nach Orientierung auslösen. Das Marketing der lösungs- und bewältigungsorientierten sowie stabilisierenden Angebote des Weltanschauungsmarktes setzt genau hier an und wirkt so besonders anziehend (vgl. Jansen 2004, S. 59).
Wo die einen Menschen für die Bearbeitung ihrer sozialen Probleme auf bewährte Bewältigungsstrategien wie das Gespräch mit Bekannten, Sport oder professionelle psychosoziale Unterstützung zurückgreifen, fühlen sich andere Menschen von charismatischen Gruppen angezogen – etwa, weil das spirituelle Angebot endlich greifbare Antworten auf den Umgang mit Krankheit und Tod, Lebensfragen oder Überforderung bietet, die etablierte Religionen und Hilfesysteme nicht geben können. Damit wird ersichtlich, dass sog. Sekten alle Menschen anziehen können, in den unterschiedlichsten Lebenslagen.
Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die Annahme, dass ausschließlich unkritisch denkende, verzweifelte oder sozial isolierte Menschen sog. Sekten beitreten, greift zu kurz. Erfolgreiche Bewegungen sind auf engagierte, reflektierte und idealistisch motivierte Personen angewiesen, Menschen mit Überzeugungskraft, Verantwortungsbewusstsein und einem starken inneren Antrieb. Gleichzeitig legen solche Gruppen ihre potenziellen Gefahren, hierarchischen Machtdynamiken und Mechanismen der Einflussnahme in der Regel nicht offen dar. Entscheidend ist daher weniger die Frage nach vermeintlichen persönlichen Defiziten, sondern vielmehr die Reflexion der eigenen situativen Vulnerabilität: In welchen Lebensphasen können Unsicherheiten, Umbrüche oder persönliche Krisen die Empfänglichkeit für autoritäre Strukturen, vereinfachende Erklärungsmodelle und Heilsversprechen erhöhen? Edmondson und Ames identifizieren hierfür bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und Lebenssituationen, die eine erhöhte Offenheit gegenüber solchen Angeboten begünstigen können (2026, S. 21). Dazu zählen unter anderem:
- Du suchst nach Bedeutung, Sinn und Antworten auf große Lebensfragen.
- Du verarbeitest gerade Trauer oder einen nahen Verlust.
- Du möchtest einen Unterschied in der Welt bewirken und fühlst dich von Aktivismus angezogen.
- Du fühlst dich von institutionalisierter Religion und Organisationen unbefriedigt.
- Du bist eine vertrauenswürdige Person.
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[1] Konversion ist ein individuelles, sozial-dynamisches Geschehen und meint den »Wechsel einer bisherigen (anerzogenen oder gewählten) sinnstiftenden Orientierung zu einer anderen« (Busch/Poweleit 2017, S. 217).
Literatur
Ruf, Maximilian (2018): Der Psychologe und Berater für KultaussteigerInnen im Interview. In: Interventionen. Zeitschrift für Verantwortungspädagogik. Schwerpunkt Rückkehr. Jg. 7, Ausgabe 2/2018, S. 5–19.
Murken, Sebastian (2012): Neue Religionen. In: Antes, Peter: Daran glauben wir. (Hrsg.) Hannover: Lutherisches Verlagshaus. (S. 285-313).
Hoffmanns, Stefan (2004): Sogenannte Sekten und Psychokulte als Orientierungsangebote in der Postmodernen Gesellschaft. In: Schubert, Franz-Christian/Busch, Herbert (Hrsg.): Lebensorientierung und Beratung. Sinnfindung und weltanschauliche Orientierungskonflikte in der (Post-)Moderne. Band 39. Mönchengladbach: Schriften des Fachbereiches Sozialwesen an der Hochschule Niederrhein Mönchengladbach. S.67-110.
Busch, Herbert/ Poweleit, Detlev (2004): Seelisches Gleichgewicht und weltanschauliche Konversion. In: Schubert, Franz-Christian/Busch, Herbert (Hrsg.): Lebensorientierung und Beratung. Sinnfindung und weltanschauliche Orientierungskonflikte in der (Post-)Moderne. Band 39. Mönchengladbach: Schriften des Fachbereiches Sozialwesen an der Hochschule Niederrhein Mönchengladbach. S.215-245.
Langel, Helmut (1995): Destruktive Kulte und Sekten. Eine kritische Einführung. 2. Auflage. München/Landsberg am Lech: Bonn Aktuell im verlag moderne industrie AG.
Rohmann, Dieter (2000): Ein Kult für alle Fälle. Eine empirische Studie zum Thema „Mögliche Prädisposition einer Sekten-, Kultmitgliedschaft“. Bern: Edition Soziothek.
Edmondson, Sarah / Ames, Anthony (2026): A Little Bit Culty. Navigating Cults, Control and Coercion. Selbstverlag.